Wie es wirklich ist …

die Autobiografien anderer zu schreiben

Die Rubrik „Wie es wirklich ist“ in der Wochenzeitung DIE ZEIT hat mich inspiriert, zu diesem Thema etwas zu schreiben. Und ich beginne, wie es ich gehört, ganz von vorn.

Ich bin Ghostwriter. Oder Ghostwriterin – ganz wie sie wollen und wie sie mit Genderproblemen bei fremdsprachigen Wörtern, die möglicherweise als eingedeutscht gelten, umgehen wollen.

Die obskuren Ideen über Ghostwriter

Wenn ich das sage, begegne ich manchmal sehr merkwürdigen Vorstellungen von meiner Tätigkeit. Die einen glauben, ich schriebe verbotenerweise wissenschaftliche Werke, die anderen glauben, ich reiste wie im Film durch die Welt, um berühmten Personen zu ihren Bestseller-Memoiren zu verhelfen. Nichts davon stimmt. Ich sitze in aller Regel fünf Tage die Woche an meinem Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer, höre Audioaufnahmen an und versuche das in eine spannende, lesenswerte Geschichte zu verwandeln. Die Stunden, in denen ich das nicht tue, sind gefüllt mit den Gesprächen, aus denen besagte Audio- oder auch Videoaufnahmen entstehen.

Was Menschen zu mir führt

Warum ich das mache? Ganz einfach, weil es das ist, was ich kann. Das Schreiben liegt mir und nach rund 40 Jahren des Schreibens glaube ich, das Handwerk ganz gut zu beherrschen. Und es ist Bedarf da. Es gibt viele Menschen, die ein sehr bewegtes Leben hinter sich haben und den Wunsch verspüren, ihre Erlebnisse und Erkenntnisse den Kindern oder einer breiteren Öffentlichkeit zu hinterlassen. Wenn sie sich dann an die Arbeit machen, kommt oft der große Frust: Das liest sich überhaupt nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten. Da fehlt die Spannung, da spiegeln die aufgeschriebenen Gefühle und Erlebnisse bei weitem nicht das wider, was sie einmal tatsächlich empfunden haben, da beschleicht die Autoren das Gefühl, sich in Details verloren zu haben. Oder sie wagen es aus verschiedenen Gründen erst gar nicht, selber zu schreiben. Dann suchen sie Hilfe bei mir.

Meine Grundvoraussetzungen

Um das Leben eines anderen aus seiner Sicht erzählen zu können, muss ich mich in diesen Menschen, in seine Sicht auf die Welt und seine Beweggründe hineinversetzen. Empathie ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für meine Arbeit – neben dem aktiven Zuhören und Fragen. Und gleichzeitig muss ich Distanz wahren, immer wieder einen Schritt zurücktreten und die Dinge von außen sehen können. Wenn Menschen sehr traumatische Erfahrungen durchgemacht haben, dann kann das Erzählen ihrer Erlebnisse zu einer Art Therapie für sie werden. Da gilt es, ganz behutsam mit diesen Menschen und ihren Geschichten umzugehen. Ich habe großen Respekt vor denen, die sich einer so schweren Aufgabe stellen. Wenn das gelingt und ich das Erlebte angemessen darstellen kann, sind wir am Ende beide sehr froh über das gemeinsame Werk.

Meine Widerstände

Es gibt auch Menschen, die einfach nur ein sehr großes Ego haben, das sie mit einem Buch über sich bedienen wollen. Stellt sich das im Laufe der Zusammenarbeit heraus, dann wird die Arbeit zu einer Gratwanderung zwischen meiner zunehmenden innerlichen Distanz und der Verpflichtung, in ihrem Sinne zu schreiben. Zum Glück kommt das nur selten vor. Es gibt auch Fälle, in denen ich es ablehne, für jemanden zu schreiben. Nämlich dann, wenn das Hauptmotiv für die Veröffentlichung Rache ist. Das willige Werkzeug zu sein, um anderen eins auszuwischen, widerstrebt mir zutiefst.

Belletristische Literatur versus Sachbuch

Mir ist es wichtig, in den Gesprächen zu Beginn der Zusammenarbeit eine Atmosphäre des Vertrauens und der Offenheit herzustellen. Damit das gelingt, erzähle ich immer auch von mir. Besonders spannend wird es für mich, wenn wir übereinkommen, dass ich aus der Lebensgeschichte eine literarische Erzählung mache. Das bedeutet: Es ist nicht wichtig, jedes Detail tatsachengetreu widerzugeben. Entscheidend ist, dass ich die Essenz – die Wahrheit dieses Menschen – durch eine Verdichtung und Literarisierung noch besser herausarbeite. Gelingt das, macht mich das unsagbar zufrieden.