Von Zimmermannsfrauburschinnen und Krankenschwester*innen

Gendern will gelernt sein

 

Ja, es wird amüsant! Denn das Gendern – also die Anpassung der Sprache dergestalt, dass sich beide Geschlechter, Männlein und Weiblein, angesprochen fühlen – treibt so manche Blüten. Um eines klar vorweg zu sagen: Ich bin durchaus für das Gendern. Sofern es moderat und lesbar geschieht. Wer sich aber sklavisch daran orientiert, diskriminierungsfrei zu schreiben, ohne dabei nachzudenken, was er oder sie dabei an Kuriositäten fabriziert, muss damit rechnen, es sich mit allen, gleich welchen Geschlechts, zu verscherzen. Es fragt sich eh, um selbst mal Political Correctness walten zu lassen, ob das Gendern in zwei Geschlechterformen noch in Ordnung ist. Schließlich gibt es ja inzwischen staatlich anerkanntermaßen ein drittes Geschlecht. Aber Überlegungen zu sprachlicher Adäquanz dazu würden hier zu weit führen.

Bleiben wir also bei den Blüten, die die Feminisierung der Sprache treibt. Und da gibt es so einiges zum Schmunzeln. Die Beispiele, die ich hier nennen will, stammen zum großen Teil aus meinem geschätzten Netzwerk, dem Texttreff, wo Kolleginnen so einiges zusammengetragen, sich aber auch in sehr ernsthafter Weise mit dem Thema befasst haben.

Wie wird eigentlich gegendert?

Damit auch alle mit lachen können, vorab nochmal die gängigen Formen des Genderns: Da gibt es das sogenannte Binnen-I wie bei „BürgerInnen“, dann das Sternchen vor der weiblichen Form wie bei „Bürger*innen“, wahlweise auch ersetzt durch einen Schrägstrich, also „Bürger/innen“ oder eine Klammer „Bürger(innen)“, zuweilen beide Formen mit einem Bindestrich wie in „Bürger/-innen. Weniger bekannt als der Gender-Star (*) ist wohl der Gender-Gap (_) wie in Bürger_innen. Wer mit all diesen Varianten hadert, entscheidet sich oft lieber für die volle Nennung beider Bezeichnungen, also „der Bürger/die Bürgerin“ oder auch „Bürgerinnen und Bürger“. Diese letzte Möglichkeit wird genau dann problematisch, wenn dadurch Satzkonstruktionen zustande kommen wie: „Geschätzte Leserinnen und Leser, unsere heutige Magazinausgabe wollen wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern widmen.“

Bevor ich Ihnen ein paar Ansätze vorstelle, wie Schreibende kreativ mit der Genderproblematik umgehen und genderneutral formulieren können, will ich Ihnen aber jetzt nicht länger vorenthalten, worüber wir Schreiberlinge (Oder doch „Schreiberlinginnen“? Es handelt sich schließlich um ein reines Frauennetzwerk.) herzhaft gelacht haben:

Die Gender-Blütenkollektion

Eine Lektorin fand in einem Hochglanzmagazin die Konstruktionen: „Zuschauer*innentribünen“, „Ingenieure*innen“ und „Planer*Innen“. Da dachte wohl jemand, doppelt gemoppelt hält besser. Die „Zimmermannsfrauburschin“ ist, ehrlich!, nicht erfunden, sondern eine Kollegin wurde tatsächlich so angesprochen. Eine andere gab die Ansprache auf dem Schützenfest ihre Dorfes zum Besten: „Liebe Schützenbrüder und Schützenbrüderinnen!“ Das soll aber schon lange her sein. Eine andere kommentierte süffisant: „ … ich schätze mal, das hat ein*e Praktikant*in zu später Stunde im Eiltempo geschrieben oder geändert …“ Getoppt wurde die Sammlung von folgender Redewendung im Gender-Anpassungswahn: „Jede*r ist seines*ihres Glückes Schmied*in.“

Und nun mal ernsthaft: Gendern ist notwendig! Dass Frauen in Texten nur „mitgemeint“ sind, geht nun wirklich nicht. Aber wie kann man/frau es besser machen?

Genderneutrale Formulierungen wählen

Für viele gendergebundene Formulierungen lassen sich genderneutrale Entsprechungen finden, zum Beispiel, indem diese Begriffe einfach in den Plural gesetzt werden. Statt

„ Jeder Auszubildende findet hier einen passenden Arbeitsplatz.“

„Alle Auszubildenden finden hier einen passenden Arbeitsplatz.“

Dies funktioniert leider bei vielen Substantiven mit der männlichen Endung „er“ nicht. Aber manche Begriffe können abgeändert werden, wie es zum Beispiel bei den Studenten geschehen ist, die heute „Studierende“ genannt werden. Dafür muss allerdings das Bewusstsein noch weiter geschult werden. Dann werden Kaufmänner zu Kaufleuten, Ehegatten zu Ehepaaren oder Eheleuten und Feuerwehrmänner zu Feuerwehrleuten.

In anderen Fällen hilft eine Umformulierung:

„Wir wissen jetzt, wer der Attentäter war.“ wird zu

„Wir wissen jetzt, wer das Attentat begangen hat.“

Wo keine genderneutrale Formulierung möglich ist, können Schreibende auch ganz einfach im Genus abwechseln und durchaus mal die rein weibliche Form nehmen.

Kürzlich las ich in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung einen bemerkenswerten Vorschlag, leider weiß ich nicht mehr, von wem er stammte. In dem Artikel wurde vorgeschlagen, statt all dieser hier vorgestellten Varianten das „i“ mit zwei Punkten obendrauf zu schreiben. Das würde gleichzeitig eine ganz kurze Sprechpause beinhalten, wie in dem französischen Wort  „naïf“, das wir auch im Deutschen mit getrennten Vokalen und daher mit einem kurzen Stopp vor dem zweiten Vokal sprechen. Das würde auch Verständnisprobleme beim reinen Hören lösen, da diese kurze Atempause deutlich mache, dass beide Geschlechter gemeint sind. Ich fürchte nur, dieser Vorschlag wird keine nachhaltige Wirkung haben.

Wie sehr das gewählte grammatische Geschlecht unsere Wahrnehmung des Inhalts, des Adressatenkreises und das Gefühl des „Nur-Mitgemeintseins“ beeinflusst, zeigt sich, wenn wir einmal testweise einen veränderten Text (ursprüngliche Fassung in: Deutsche Wirtschaftsnachrichten) lesen, der die rein weibliche Form bevorzugt:

Kundinnen warten immer länger auf die Handwerkerin

Viele Aufträge, hohe Auslastung, Mangel an Fachkräften: Das führt zu immer längeren Wartezeiten für die Kundinnen von Handwerkerinnen. Entspannung ist erst mal nicht in Sicht.

Der Handwerksverband spricht sich seit langem dafür aus, die Meisterinnenpflicht in vielen Berufen wieder einzuführen. Im Jahr 2004 war in mehr als 50 Gewerken die Meisterinnenpflicht weggefallen, etwa für Rolladen- und Jalousienbauerinnen, Gold- und Silberschmiedinnen oder Fliesenlegerinnen. Mit der Reform der Handwerksordnung wollte die Bundesregierung damals einfachere Tätigkeiten für Selbstständige öffnen.

Befürworterinnen argumentieren, dies habe zu einem größeren Angebot und mehr Auswahl für die Kundinnen geführt – dagegen beklagt der ZDH, die Abschaffung der Meisterinnenpflicht habe zu Marktverzerrungen und Qualitätsproblemen geführt.

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